Wenn der Lebensabend zur Hölle wird

Keine Zeit zum Waschen und Drehen der Patienten; mittags noch immer im Bett, da für Morgentoilette und Frühstück keine Zeit war; Stuhlgang wird nur noch nach Termin abgeführt; gestürzte Bewohner liegen oftmals stundenlang am Boden, weil oft nur alle 2 bis 3 Stunden jemand vorbeischaut; das Sitzen vor dem Fernseher mit 10 anderen schweigenden angebundenen und sedierten Mitbewohnern vor dem Fernseher – das ist Realität, Pflegealltag live!

Doch diese Realität geht noch weiter. Sieht man sich in vielen Alten- und Pflegeheimen um, dann ist sogar noch Fernsehen Luxus, denn das Verlassen des Bettes bedeutet im wahrsten Sinne des Wortes Arbeit – Arbeit, die heute nicht mehr geleistet, dafür aber abgerechnet werden kann. Denn auch Alten- und Pflegeheime müssen wirtschaftlich und gewinnbringend ausgerichtet sein.

Das perverse ist jedoch, dass die meisten Missstände in deutschen Altenheimen erst gar nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Auch umfassende Untersuchungen für dieses Dilemma existieren bisher nicht.

Denn zum einen werden die Probleme durch die Verantwortlichen bagatellisiert, andererseits wollen die meisten Opfer aus Angst oder höchstens anonym über die erfolgten Misshandlungen reden.

Rückendeckung erfahren die meisten Betreiber zudem noch durch dubiose Gerichtsurteile. Beispiel aus einem Gerichtsurteil: Die Pflegebettenzahl durfte durch einen Pflegeheimbetreiber bis zum 10-Bett-Zimmer aufgestockt werden!

Der Tenor der Gerichte: Der Bewohnerschutz darf hinter die wirtschaftlichen Interessen eines Betreibers gestellt werden, d.h. wirtschaftliches Interesse (auch der Betrug am Heimbewohner durch Bezahlen, aber Unterlassen von Maßnahmen) ist höher zu bewerten als die Belange der Heimbewohner.

Menschlichkeit als Luxusgut

Doch Stichprobenerhebungen lügen nicht. Immerhin werden zurzeit rund 2.200 freiheitsentziehende Maßnahmen an einem Tag (!) in 26 Altenheimen festgestellt. Und hier erfahren manche Personen zum Teil gleich mehrere.

So werden bspw. in den meisten Fällen Bettgitter angebracht, ohne die Menschen vorher gefragt zu haben. Des Weiteren werden Medikamente nicht mehr aus medizinischen Gründen verabreicht, sondern vielmehr allein zur Ruhigstellung. Was für eine Kränkung für Menschen, die einmal selbst ihr Leben in den Händen hatten.

Nur die wenigsten wissen auch, dass eine Windel ein Fassungsvermögen für Urin von 3,6 Litern besitzt, und dessen Fassungsvermögen auch voll ausgenutzt wird, nur um die älteren Menschen nicht auf die Toilette führen zu müssen.

Denn es gibt Toilettenzeiten, die eingehalten werden müssen. Das knappe Personal spart auf diese Weise viel Zeit, so dass in einigen Fällen sogar so genannte Turbowindeln eingesetzt werden – selbstverständlich mit dem doppelten bis teilweise dreifachen Fassungsvermögen.

Als Pflege erleichternde Maßnahme bietet sich auch die Ernährung durch eine Magensonde an, Hunderte von schwerst pflegebedürftigen und dementen Menschen müssen teilweise mit einer Nachtwache oder wenigen Hilfskräften auskommen.

Es wird gespart an allen Enden, die Pfleger sind oftmals völlig überfordert und stehen in einem täglichen Konflikt zwischen Arbeits- und Zeitdruck. Hauptsache, die Einnahmen stimmen – der alte Mensch, er wird abgezockt und hat damit seine Schuldigkeit getan.

Rechnet man diese Misere dann noch auf die gesamte Bundesrepublik um, können alte Menschen täglich mit fast 400.000 freiheitsentziehenden Maßnahmen rechnen. Ein unvorstellbarer Wahnsinn.

So wurden bspw. sechs Pflegestationen drei Monate lang untersucht. Über die Hälfte der Bewohner wurden hier gegen ihren Willen in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt, bei über 70 Prozent waren es mehr als 8 Stunden täglich. Auch die Bitte, auf die Toilette gebracht zu werden, ist vergeblich.

Aus Altenheimen werden Isolierstationen

Aus Altenheimen werden regelrechte Isolierstationen, in denen alte und hilflose Menschen regelrecht misshandelt werden. Viele Pflegeheime werden durch freiheitsentziehende Maßnahmen zu regelrechten verkappten Gefängnissen, in denen hilfsbedürftige alte Menschen dahinsiechen.

Es wird mehr misshandelt als gehandelt, es wird gequält. Skelette mit Augen und der Wunsch der Pfleger: mehr Zeit zu haben, um die Menschen in Ruhe und vor allem im Sitzen füttern zu können. Stattdessen wird das Essen in die Menschen hineingestopft.

Immer mehr Ältere werden zu hilflosen Gewaltopfern. Massenphänomen Gewalt an pflegebedürftigen Älteren, und die Gewaltspirale findet noch immer kein Ende. Auch Beschwerden helfen hier wenig, denn die meisten Heimleitun-gen weisen die Beschwerden rigoros ab.

„Schuld an der Misere ist allein das Pflegepersonal“, so die verkappten Aussagen. Doch nicht nur die extreme Dauerbelastung in Altenheimen kann beim erschöpften Personal zwangsläufig zu Gewaltanwendung führen, Heimleiter müssen auch dafür geeignete Pflege-kräfte einstellen, die mit dem Alltag pflegebedürftiger Menschen zu Recht kommen. Ansonsten machen sie sich für diese Misere selbst verantwortlich.

Angst vor Hilflosigkeit – Die Selbstmordrate älterer Menschen steigt bedrohlich

Bei Ihrer täglichen Arbeit begegnen Ihnen sicherlich viele ältere Menschen, die in ständiger Angst leben, in ein Alten- oder Pflegeheim untergebracht zu werden. Versuchen Sie mit diesen Menschen zu sprechen und zeigen Sie Alternativen auf. Denn eine Studie des Instituts für Rechtsmedizin der Charité zeigt, dass ältere Menschen ab 65 Jahren lieber den Freitod wählen, als hilflos in einem Pflegeheim zu leben.

Gerade für ältere Menschen gibt es viele Möglichkeiten, sich zu engagieren. Die Aktion „Erfahrungswissen für Initiativen“ sucht gerade Menschen ab 65 Jahren, die ihr Wissen als so genannte Senior Trainer/Trainerinnen an andere weitergeben können. Informationen über die Aktion „Erfahrungswissen für Initiativen“ finden Sie unter www.seniortrainer.de.

Aber auch bei anderen Tätigkeiten werden händeringend ältere Menschen gesucht, so etwa bei der ehrenamtlichen Tätigkeit als Leih-Oma und Leih-Opa. Die Vermittlung von Leihomas und -opas wird bundesweit von den unterschiedlichsten Stellen organisiert, etwa durch kirchliche Einrichtungen (Caritas, Diakonie) oder durch örtliche Freiwilligen-Organisationen.

Fehlt es den älteren Menschen an Mobilität und sind sie tatsächlich auf fremde Hilfe angewiesen, so bieten betreute Wohngruppen oder generationsübergreifende Wohngemeinschaften eine echte Alternative zu Alten- und Pflegeheimen.

 

 

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